Aus alten Zeiten

Stadtzeitung: Das Augsburger Fischerholz: Leben in der Kloake der Stadt

Im Fischerholz im Nordwesten Augsburgs lebten einst Sinti und Reisende in erbärmlichen Verhältnissen - ohne fließend Wasser oder Kanalisation. Eine Sinta blickt zurück und erzählt vor allem eins: Gutes. Marcella Reinhardt steht auf einem Feldweg in Augsburg-Oberhausen. Ringsherum stechen Wildblumen zwischen den kniehohen Grashalmen hervor. Nur ein paar verlassene Wohnwagen, die in der Sommersonne vor sich hinrosten, lassen erahnen, was hier einst war. Das, was die Wochenzeitung "Zeit" einmal den Abort der Stadt nannte: das Fischerholz. Ein Begriff, der genauso zur Augsburger Geschichte gehört wie Augustus oder der Perlachturm. Für das Theaterstück „Schluchten“, das vom Fischerholz handelt, erzählte Reinhardt über das Viertel ihrer Kindheit. An diesem Nachmittag sind keine Zuseher da. Trotzdem deutet sie nach links und nach rechts. Zeigt dorthin, wo sie einst gestanden haben, die Baracken und Bauwagen, in die nach 1945 Sinti, Roma und Obdachlose einquartiert wurden, die das Konzentrationslager überlebt hatten. Auch Reinhardts Familie lebte einst hier. „Ich bin hier geboren“, sagt die heute 48-Jährige. Stolz haftet an jeder Silbe.

Ratten in den Plumpsklos, Waschen im Wasserloch: "Wir wollten nicht weg"

Marcella Reinhardt ist eine Sinta. Und eine Fischerhölzlerin. Bis zu ihrem siebten Lebensjahr wohnte sie mit ihrer Familie in einer engen Baracke. Ohne fließend Wasser, ohne Kanalisation und ohne feste Straßen. Die Wäsche wuschen alle 20 Familien in einem kleinen Wasserloch, aus den Plumpsklos streckten die Ratten ihre Köpfe. Nun schweift der Blick der Frau mit dem an den Hals tätowierten Jesus-Schriftzug über das Gelände. „Wir wollten hier nicht weg.“ Wie bitte? Freilich, sagt Reinhardt, „die Bedingungen waren unmenschlich.“ Klar könnte man „nur das Schlechte erzählen“. Aber das entspräche eben nur der halben Wahrheit. Das Fischerholz ist für jene, die dort gelebt haben, ein Gefühl. Das Gefühl, „trotz Armut, das Beste aus der Situation zu machen“. Schwärmerisch, ja beinahe poetisch ausgedrückt, klingt das dann so: „Die Sinti machen ihre Türe auf und sind frei.“

Reisendenromanitik in der Kloake der Stadt

Die Lagerfeuer loderten, Musiker spielten auf, die Kinder tollten zwischen den Wagen umher. Über der Szene ruhte eine Aura der Zusammengehörigkeit. Reisendenromantik in der Kloake der Stadt. Die Familie wurde Ende der 1970er in eine Billigwohnung umquartiert, in einem der Wohnblöcke, die die Stadt für die Fischerhölzer errichtet hatte. Die Zustände im Fischerholz blieben jedoch bis in die 1990er Jahre problematisch. Für 50 Bewohner gab es einen Wasseranschluss und acht Toiletten.

Der Traum: Wohnwagenstellplätze für fahrende Sinti und Roma

Dennoch sei der Traum ihres Vaters gewesen, das Fischerholz wiederzubeleben, erzählt Reinhardt. Bürgermeister Wengert habe dem seinerzeit sogar zugestimmt, aber es ließ sich kein Bauträger finden. So starb ihr Vater vor einigen Jahren – ohne noch einmal am Lagerfeuer im Fischerholz gesessen zu haben. Doch sein Traum brennt auch in Tochter Marcella. Sie setzt sich dafür ein, dass im Viertel ihrer Kindheit zumindest Stellplätze für Wohnmobile angelegt werden. Bislang umsonst. Mittlerweile hat Reinhardt jedoch den Augsburger Verband der Sinti und Roma gegründet. Um darauf aufmerksam zu machen, welche Leiden Sinti und Roma während der NS-Zeit widerfahren sind.

Die Großeltern sterben in Auschwitz, die Tante wird zwangssterilisiert

Ihre Mutter hatte Eltern und Geschwister in Auschwitz verloren. „Mein anderer Großvater hat meinem Papa zur Flucht verholfen. Und wurde dann ebenfalls in Auschwitz ermordet“, erzählt Reinhardt. „Meine Tante wurde als Kind zwangssterilisiert.“ Die Vergangenheit änderte jedoch wenig an dem Rassismus, der gegenüber Sinti und Roma noch immer groß sei. Auch die Vorurteile haben ihre Zeit überdauert. „Ich habe an manchen Arbeitsstellen gesagt, ich sei Italienerin. Aus Angst, sonst meinen Job zu verlieren“, sagt Reinhardt.

Reinhardt: Das Fischerholz war kein kriminelles Nest

Der Vorbehalte wegen hieß es in Augsburg früher: „Geh’ bloß nicht ins Fischerholz.“ Zu unrecht, protestiert Reinhardt noch heute energisch. Freilich habe es auch Schwarze Schafe gegeben, aber ein kriminelles Nest sei die Sintisiedlung keinesfalls gewesen. Fremde habe man gerne aufgenommen, bei benachbarten Landwirten hätten Reisende ihre Wohnwagen abstellen dürfen – daraus seien Freund- und sogar Taufpatenschaften entwachsen.

"Sie sind wie sie sind und sie sind ganz anders"

„Sie sind nicht gefährlich“, wird im Artikel der Zeit, der im Jahr 1989 verfasst worden ist, ein Oberhauser zitiert. „Sie sind wie sie sind, und sie sind ganz anders. Warum lässt man sie nicht so leben, wie sie wollen?“ Mittlerweile haben, so Reinhardt, viele Sinti ihr Leben jedoch umgestellt. „Sie fahren nicht mehr. Aus Angst vor Rassismus. Und weil sie wollen, dass ihre Kinder eine feste Schule haben. Sie denken an die Zukunft.“

Augsburger Allgemeine: Mit Wohnwagen und Baracken fing es im Fischerholz an

Anrührend wird bei einem theatralen Spaziergang die Geschichte des zu unrecht verrufenen Stadtteils Augsburgs erzählt

Mit so viel Publikum hatte Dorothea Schroeder nicht gerechnet. Über 100 Menschen waren der Einladung gefolgt, das Fischerholz zu erkunden, jenen legendären Bereich zwischen Schönbachstraße, Klärwerk und Wertach, in dem einst die so genannten Zigeuner in Wohnwagen und Baracken lebten. In der Nachkriegszeit war das „eher eine Favela, heute ist es eine hübsche Wohngegend“, wie Marcella Reinhardt, Vorsitzende der Augsburger Verbandsgruppe Deutscher Sinti und Roma, zur Begrüßung sagte. Auch viele Sinti aus Augsburg, Ingolstadt und München sind gekommen, um sich ein Kapitel ihrer Geschichte anzusehen. So ziehen die Besucher in drei Gruppen los – an Reihen- und Einfamilienhäusern vorbei, wo in einigen Gärten abgestellte Wohnwagen daran erinnern, dass die Bewohner einst regelmäßig auf die Reise gingen, um ihren Berufen als ambulante Händler oder Handwerker nachzugehen. Wo die Gruppen stehenbleiben, erzählen ihnen, teilweise in inszenierten Spielszenen, die Schauspieler Stefan Lehnen, Gabriele Graf, Romana, Sami und Selina Herzog, Thomas Kitsche und Alexander Adler vom Fischerholz: Von der Nachkriegszeit, als die für Zwangsarbeiter des Nazi-Regimes errichteten Baracken mit Wohnungslosen belegt wurden; als die Sinti, die den Holocaust überlebt hatten, dazukamen und ihre Wohnwagen aufstellten; als Jenische und reisende Artisten dort Wohnung nahmen. Von der beruflichen Flexibilität der Stoff- und Metallhändler, der Scherenschleifer, Korbflechter und Schausteller erzählen sie. Ebenso von dem bis heute herrschenden Misstrauen der Mehrheit gegen die angeblich verdächtigen Zigeuner, und von deren Misstrauen gegenüber der meist nicht wohl gesonnenen Mehrheit. Die Zuschauer sind beeindruckt, am stärksten die Nicht-Sinti, die sagen: „Das haben wir nicht gewusst.“ Auch die jungen Sinti sind beeindruckt, die mit ihren Kindern gekommen sind. Am eindrucksvollsten schildert Bertold Brand das wildromantische, aber karge Leben im Fischerholz. Brand, 1958 geboren, wohnte mit Eltern und fünf Geschwistern in einem hölzernen Wagen; es gab keine sanitären Einrichtungen, nur einen Wasseranschluss an der Straße, der im Winter mit alten Autoreifen vor dem Einfrieren bewahrt wurde. Es gab viele Ratten, nur ein einziges Telefon und eine kleine Verkaufsstelle. Die Kinder wanderten täglich in die Löweneckschule. „Für unsere Eltern war das Leben hart, für uns Kinder war es toll“, sagt Brand, „diese Freiheit, dieser Zusammenhalt!“ Dann führt er an den verborgenen Platz am Wertachufer, wo zwischen hohem Gras und staubigen Wegen zwei ältere Männer im Wohnwagen leben – nur noch wenige Tage, dann müssen sie weg. „Das Fischerholz gibt’s dann nicht mehr.“ Ein Wohnwagen steht da, in dem Dorothea Schroeder Fotos und Dokumente zur Geschichte der Sinti im Fischerholz ausgebreitet hat. Bevor die Besucher den Abend in Gesprächen ausklingen lassen, bittet Marcella Reinhardt mit berührenden Worten, den Sinti ihre Kultur zu lassen und trotzdem ein gutes Miteinander zu pflegen.

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